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Anti-Schwarzer Rassismus in Brasilien - Erbe der BIBEL, des Eurozentrismus und der Europäischen Rassen-Theorien

Anti-Schwarzer Rassismus in Brasilien - Erbe der BIBEL, des Eurozentrismus und der Europäischen Rassen-Theorien*

Die dunkelhäutige Hälfte der Bevölkerung trotz Zeichen äusserer Harmonie benachteiligt. Oberflächlich betrachtet, gibt Brasilien ein gutes Beispiel für eine multikulturell funktionierende Demokratie. Dabei sind Dunkelhäutige vielen Benachteiligungen ausgesetzt. Auch diese sind häufig bestrebt, die «Farbe» der Familie «aufzuhellen».

von K. H. (São Paulo, im Dezember)

In brasilianischen Zeitungen produziert die Rassismusproblematik fast täglich Schlagzeilen. Im kürzlichen Ausstich um den Bürgermeisterposten in São Paulo hat die Kandidatin Marta Suplicy von der Arbeiterpartei (PT) des Staatschefs Lula da Silva dem aussichtsreichen Rivalen und Amtsinhaber Gilberto Kassab vorgeworfen, die medizinische Geburtsvorbereitung schwangerer schwarzer Frauen eingeschränkt zu haben. Der Arzt Kassab von den konservativen Demokraten wertete dies als Vorwurf der Rassendiskriminierung und zog vor Gericht. Mehrere hunderttausend Wahlpamphlete Suplicys wurden daraufhin beschlagnahmt – Kassab schwang am letzten Oktobersonntag in der Stichwahl obenaus. Für weiteren rassistischen Zündstoff sorgte kürzlich eine Universitätszeitschrift in São Paulo, die serienweise üble Schwarzenwitze veröffentlichte; die Staatsanwaltschaft ermittelt.

Nachwirkende «Sklavenhaltermentalität»

Das südamerikanische Land sieht sich gerne als multiethnische Demokratie, in der die Rassen friedlich und gleichberechtigt miteinander leben. Bei jüngsten Kundgebungen, darunter am Unabhängigkeitstag, haben die nationalen Schwarzenorganisationen diese Ansicht heftig bestritten und von institutionalisiertem Rassismus gesprochen. Die katholische Kirche beklagt regelmässig rassistische Vorurteile und Benachteiligungen sowie das Fortbestehen der «Sklavenhaltermentalität». Einer der bekanntesten kirchlichen Menschenrechtsaktivisten, der mit dem alternativen Nobelpreis geehrte Francisco Whitaker, nennt Brasilien ein Land der Apartheid.

Tatsächlich zeigen Sozialstatistiken, dass die dunkelhäutigen Brasilianer, die etwa die Hälfte der rund 190 Millionen Einwohner ausmachen, deutlich schlechter als die weissen gestellt sind. Demnach verdienen Schwarze bei gleicher Qualifikation im Durchschnitt nur etwa halb so viel wie Weisse. Viele sind Slumbewohner und verfügen nur über eine schlechte Schulbildung.

Uno-Experten haben in den letzten Jahren die brasilianische Variante der Rassendiskriminierung intensiv untersucht und konstatiert, dass die Auswirkungen der Sklaverei bis heute zu spüren seien. Der aus Senegal stammende Uno-Sonderberichterstatter Doudou Diène bereiste Brasilien und veröffentlichte 2006 eine ausführliche Analyse über «moderne Formen des Rassismus, rassische Diskriminierung, Xenophobie und Intoleranz». Die Regierung, so Diène, anerkenne zwar, dass der Rassismus in Brasilien tief verwurzelt sei und sich auf die gesamte Gesellschaftsstruktur auswirke. Effiziente Gegenmassnahmen und konkrete Verbesserungen seien indessen auch wegen ungenügender Mittel ausgeblieben. In dem Bericht wird auch auf Todesschwadronen verwiesen, die zahlreiche Schwarze ermordeten.

Würden nur die Dunkelhäutigen in Betracht gezogen, folgerten die Fachleute des Uno-Entwicklungsprogramms (UNDP), läge Brasilien auf dem Index für menschliche Entwicklung lediglich auf Platz 105. Nähme man indessen nur das weisse Brasilien, reichte es für den 44. Platz in der Gruppe hochentwickelter Staaten. Selbst typische Elemente von schwarzer Kultur würden heute von Weissen kommerziell vereinnahmt – der Karneval sei ein Spektakel für Weisse geworden.

Brasilien wird zu den zehn grössten Wirtschaftsnationen gerechnet – laut einer 2007 vom Institut für Meinungsforschung und Statistik (Ibope) und vom von Privatunternehmen getragenen Ethos-Institut veröffentlichten Studie besetzen Dunkelhäutige in der Wirtschaft aber nur 3,5 Prozent der Führungsposten. «Negros» im höheren Management seien extrem selten vertreten. Erklärt wird dies zum Teil mit dem schwierigen Zugang dieser Bevölkerungsgruppe zu besserer Bildung. Das weitverbreitete Vorurteil, dass Schwarze keine intellektuelle Kompetenz besässen, wird dagegen kaum einmal als Hinderungsgrund genannt. Schwarze Manager räumten gegenüber der brasilianischen Presse ein, sich lange Zeit tatsächlich als weit weniger kompetent eingestuft und unter einem tiefsitzenden Minderwertigkeitskomplex gelitten zu haben. Gegenüber weissen Kollegen, die einen angeblich nur im Spass als «schwarzes Schaf» titulierten, habe dies zudem Angstgefühle ausgelöst.


«Die Rasse verbessern»

In Brasilien ist schwer zu übersehen, dass nicht wenige Schwarze andere Schwarze diskriminieren oder rassistisch beschimpfen. Eine Folge geringen Selbstwertgefühls ist zudem, dass als Lebenspartner, Freunde oder Bekannte häufig hellhäutige Personen bevorzugt werden. Es gibt sogar die gängige Redewendung «melhorar a raça», die Rasse verbessern. Dies impliziert, Kinder mit Weissen zu zeugen, um so die «Farbe» der Familie «aufzuhellen», um damit in der Gesellschaft an Stellenwert zu gewinnen. In manchen Familien in den Favelas bleut man dies besonders den Mädchen frühzeitig ein und versucht, ihnen Beziehungen zu schwarzen Burschen auszureden. 2008 hatte Mão Santa, Kongress-Senator des Partido do Movimento Democrático Brasileiro (PMDB), der zum Regierungsbündnis gehört, die Redewendung erstmals in einer Ansprache ans Parlament verwendet. Er bezog sich dabei auf den schwarzen Senatskollegen Sibá Machado von der Arbeiterpartei, der sich mit einer «schönen Südbrasilianerin», dem Synonym für eine Hellhäutige, «kreuzt». Die Äusserung war nicht einmal herabsetzend oder ironisch gemeint.

Verdrängung auf beiden Seiten

Brasilianische Sozialwissenschafter, wie die Anthropologin Ana Valente, weisen auf den Umstand hin, dass schwarze Männer, die beruflich Karriere machen, Blondinen als Statussymbol, zum Beweis sozialen Aufstiegs, bevorzugen. Der dunkelhäutige Historiker Joel dos Santos formulierte es bitter so: «Die Weisse ist schöner als die Schwarze – und wer vorankommt, wechselt nun einmal automatisch den Wagen.»

Mauricio Pestana, Herausgeber von «Raça Brasil», der einzigen nationalen Schwarzen-Zeitschrift, nennt Brasilien im Gespräch gar «das rassistischste Land der Erde». In Brasilien, so sagt Pestana mit leicht ironischem Unterton, funktioniere der Rassismus geradezu perfekt, wirke dessen Mechanismus sehr intelligent. Damit die Rassentrennung und die Vorherrschaft der Weissen nicht in Gefahr gerieten, habe man den Dunkelhäutigen die eigene Identität und das Bewusstsein über die Rassenproblematik in Brasilien geraubt. Man habe alles darangesetzt, dass die Menschen den Rassismus nicht wahrnähmen oder verdrängten. Laut Pestana existiert sogar eine Art Pakt: Der Weisse tue so, als diskriminiere er den Schwarzen nicht – und der Schwarze tue so, als werde er nicht diskriminiert. Daher lebten beide in gewisser Weise harmonisch nebeneinander.

Pestanas Zeitschrift «Raça Brasil» versucht, das Selbstbewusstsein der Dunkelhäutigen zu heben. Der Herausgeber ist politisch in den Sozialbewegungen engagiert, unterstützt ein landesweites Bildungsprojekt des Franziskanerordens mit dem Akronym Educafro, das Schwarzen über ein landesweites Kurssystem den Zugang zu ihnen gewöhnlich verschlossenen Universitäten sowie zu höher qualifizierten, besser bezahlten Berufen öffnen soll. Der Franziskaner Frei David Raimundo dos Santos hatte solche Kurse 1993 erstmals in Elendsvierteln Rio de Janeiros gestartet, inzwischen funktioniert das Educafro-Netz landesweit.
Diskriminierende Mediziner

Zu den führenden Köpfen bei Educafro zählt Eduardo Pereiro Neto, der im Gespräch an eine weitere brasilianische Redewendung erinnert: Der Schwarze muss wissen, wo sein Platz ist. Und deshalb steige er eben in Unternehmen gewöhnlich ab einer bestimmten Position nicht weiter auf, selbst wenn er noch so viel studiere und sich noch so anstrenge. Wer von aussen auf dieses Brasilien schaue, halte es womöglich für eine schöne, perfekte Rassendemokratie – nur sei es eben eine falsche. Neto ist kein Franziskaner und konstatiert, dass es selbst in der katholischen Kirche des Landes verdeckten Rassismus gebe. Neben Personen mit einer Vision der Gleichheit treffe man auch auf solche, die diskriminierten, unter ihnen Priester und Ordensleute.

Dass Rassismus auch im Gesundheitswesen Brasiliens virulent sei, hat überraschend der zuständige Minister aus Staatschef Lula da Silvas Regierung eingeräumt. Für die locker vernetzten Schwarzenorganisationen wie die Nichtregierungsorganisation Crioula in Rio de Janeiro handelte es sich um ein bemerkenswertes Eingeständnis. Deren Leiterin, die Sozialwissenschafterin Lucia Xavier, erläutert im Gespräch, wie man sich dies in der Praxis vorzustellen habe: «Eine schwarze Frau geht zur Behandlung und auch zur Krebsvorsorge in eine öffentliche Klinik – doch der weisse Arzt tastet nicht einmal ihre Brust ab, weil er sich vor der Frau ekelt, ja, wegen ihrer Hautfarbe Ekel empfindet. Die Frau teilt mit, dass sie Schmerzen habe, doch den Arzt interessiert das nicht, sein Team ebenso wenig – weil man die Frau wegen ihres ganzen Erscheinungsbildes nicht mag. Hier haben wir einen unterschwelligen Rassismus, der dazu führt, dass Dunkelhäutigen medizinische Leistungen, aber auch notwendige Informationen zur Krankheitsprävention vorenthalten werden. Das führt zu erheblich höheren Sterblichkeitsraten als bei Weissen.»

Black People and the "White Supremacy"(Racism) in Brazil [Bois-Caiman-RadioTV]

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[ Black People and the "White Supremacy"(Racism) in Brazil ]



*Der Original-Titel des Artikels wurde von der BOI-CAIMAN-REDAKTION geändert.

17.01.09

NZZ



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