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Wie der Weltgeist Afika küsste - eine kommentierte Hegel-Lektüre

Wie der Weltgeist Afika küsste - eine kommentierte Hegel-Lektüre

In seinen »Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte« widmet sich Georg Wilhelm Friedrich Hegel im Kapitel ‘Geographische Grundlage der Weltgeschichte’ auf konzise Art und Weise dem afrikanischen Kontinent. Was ihm dazu alles einfällt, ist weder sonderlich originell noch neu, aber eine gewisse Wirkung läßt sich heute noch erahnen. Vielleicht wäre sogar Amir Agheeb leichteren Herzens erstickt, hätte er gewußt, daß eigentlich alles zu seinem Besten sei.

Wo liegt denn eigentlich Afrika?

Afrika ist dort, wo die Neger hausen. Jeder Eindruck, Afrika hätte in Ansätzen etwas mit menschlicher Kultur zu tun, ist zu vermeiden, aus diesem Grund liegen der Maghreb und das Nildelta nicht in Afrika.

»Afrika ist in drei Teile zu unterscheiden: der eine ist der südlich von der Wüste Sahara gelegene, das eigentliche Afrika, das uns fast unbekannte Hochland mit schmalen Küstenstrecken am Meere; der andre ist der nördliche von der Wüste, sozusagen das europäische Afrika, ein Küstenland; das dritte ist das Stromgebiet des Nil, das einzige Talland von Afrika, das sich an Asien anschließt.« (S. 153)

Dazu muß man wissen, daß Hegel die alte Welt im wesentlichen in drei Teile zerlegt: das kulturlose, da unfruchtbare Hochland, die wasserreichen Talebenen, in denen (z. B. pharaonische) Großreiche auf der Basis von Ackerbau und Grundeigentum entstehen konnten, und last not least das Uferland, das uns - als Mittelmeerraum - die Kultur der Griechen und Römer geschenkt hat. (Wer damit noch kein Problem hat, sollte sich nach dem Warum fragen.)

Die Neger

»Der eigentümlich afrikanische Charakter ist darum schwer zu fassen, weil wir dabei ganz auf das Verzicht leisten müssen, was bei uns in jeder Vorstellung mitunter läuft, die Kategorie der Allgemeinheit. Bei den Negern ist nämlich das Charakteristische gerade, daß ihr Bewußtsein noch nicht zur Anschauung irgendeiner festen Objektivität gekommen ist, wie zum Beispiel Gott, Gesetz, bei welcher der Mensch mit seinem Willen wäre und darin die Anschauung seines Wesens hätte. Zu dieser Unterscheidung seiner als des Einzelnen und seiner wesentlichen Allgemeinheit ist der Afrikaner in seiner unterschiedslosen Einheit noch nicht gekommen, wodurch das Wissen von einem absoluten Wesen, das ein andres, höheres gegen das Selbst wäre, ganz fehlt. Der Neger stellt, wie schon gesagt worden ist, den natürlichen Menschen in seiner Wildheit und Unbändigkeit dar: von aller Ehrfurcht und Sittlichkeit, von dem, was Gefühl heißt, muß man abstrahieren, wenn man ihn richtig auffassen will; es ist nichts an das Menschliche Anklingende in diesem Charakter zu finden.« (S. 155)

»Die Bestimmung des Menschen ist die denkende Vernunft: Denken überhaupt ist seine einfache Bestimmtheit, er ist durch dieselbe von dem Tiere unterschieden; er ist Denken an sich, insofern dasselbe auch von seinem Sein-für-Anderes, seiner eigenen Natürlichkeit und Sinnlichkeit, wodurch er unmittelbar mit Anderem zusammenhängt, unterschieden ist.« (Wissenschaft der Logik. Bd 1. S. 132)

Bringt man beide Textstellen zur Deckung, so zeigt sich ihre eigentümliche Ergänzung. Der Mensch - abgesehen davon, daß es sich hier kaum um eine Frau handeln dürfte - ist durch sein Denken Mensch, gleichzeitig hat er mit dem nichtdenkenden Tier Natürlichkeit und Sinnlichkeit gemein. Für das Tier läßt sich nun unschwer auch ‘Neger’ in das Paradigma einsetzen. Die Neger erinnern in der Beschreibung leicht an die Borg der Star-Trek-Reihe unter Abzug ihres kollektiven Gedächtnisses, weswegen es völlig gleichgültig ist, ob man von ihnen im Singular oder im Plural spricht. Der Neger ist in seiner absoluten Natürlichkeit ein Nicht-Mensch. Er kann zwischen Individuum und universaler ‘Klasse Mensch’ nicht unterscheiden und lebt im kulturlosen Naturzustand. Zudem ist er nicht in der Lage, sich selbst als das Abbild eines absoluten, höheren Wesens zu erkennen. Der Neger ist sich selbst das höchste Wesen, was ihn den Mitneger verachten läßt. (Die Ironie der Philosophiegeschichte will, daß wir heute das höchste Wesen wieder exiliert haben...) Diese soziale Elend wurzelt wie gesagt nicht zuletzt in Klima und Geographie - einer verbreiteten Theorie, die Hegel bei Hippokrates und seinen Makrokephalen entleiht und die sich heute noch beim ‘faulen Neger’ oder dem ‘heißblütigen Südländer’ niederschlägt.

Selbstverständlich aber weiß Hegel auch, wie also der Neger so lebt, abgesehen davon, daß uns das afrikanische ‘Hochland’ - wie er uns oben wissen läßt - nicht sonderlich bekannt ist:

»Die Wertlosigkeit des Menschen geht ins Unglaubliche; die Tyrannei gilt für kein Unrecht, und es ist als etwas ganz Verbreitetes und Erlaubtes betrachtet, Menschenfleisch zu essen. Bei uns hält der Instinkt davon ab, wenn man überhaupt beim Menschen vom Instinkte sprechen kann. Aber bei dem Neger ist dies nicht der Fall, und den Menschen zu verzehren hängt mit dem afrikanischen Prinzip überhaupt zusammen; für den sinnlichen Neger ist das Menschenfleisch nur Sinnliches, Fleisch überhaupt. Bei dem Tode eines Königs werden wohl Hunderte geschlachtet und verzehrt; Gefangene werden gemordet und ihr Fleisch auf den Märkten verkauft; der Sieger frißt in der Regel das Herz des getöteten Feindes.« (S. 158)

Das ‘afrikanische Prinzip’? Erinnert das nicht stark an die Berichterstattung der Medien zu den Rwanda-Massakern? Interessant ist nebenbei, das Hegel einen möglichen menschlichen Instinkt als eine sittliche und nicht als eine natürliche Einrichtung annehmen muß. Auf jeden Fall geht es dort ganz schön zu. Sogar einen Amazonenstaat hat Hegel in seinen ausführlichen landeskundlichen Studien aufgetan - und damit wohl das Schrecklichste, was sich ein deutscher Universitätsprofessor und Repräsentant des männlichen Alleinvertretungsanspruches so vorstellen kann. Da seht, was Frauen anrichten können, wenn sie einmal losgelassen!

»In früherer Zeit hat sich ein Weiberstaat besonders durch seine Eroberungen berühmt gemacht: es war ein Staat, an dessen Spitze eine Frau stand. Sie hat ihren eignen Sohn in einem Mörser zerstoßen, sich mit dem Blute bestrichen und veranstaltet, daß das Blut zerstampfter Kinder stets vorrätig sei. Die Männer hat sie verjagt oder umgebracht und befohlen, alle männlichen Kinder zu töten. Diese Furien zerstörten alles in der Nachbarschaft und waren, weil sie das Land nicht bebauten, zu steten Plünderungen getrieben.« (S. 160)

Richtiger wäre die Einschätzung gewesen, daß zu Hegels Zeiten bereits 400 Jahre lang an der Sklaverei verdient wurde, die in der Tat in Westafrika zu einer Männerknappheit führte und die Landwirtschaft darniederzwang. Ach ja, die Sklaverei.

Sklaverei - im Vorbeigehen legitimiert

»Aus diesen verschiedentlich angeführten Zügen geht hervor, daß es die Unbändigkeit ist, welche den Charakter der Neger bezeichnet. Dieser Zustand ist keiner Entwicklung und Bildung fähig, und wie wir sie heute sehen, so sind sie immer gewesen. Der einzige wesentliche Zusammenhang, den die Neger mit den Europäern gehabt haben und noch haben, ist der der Sklaverei. In dieser sehen die Neger nichts ihnen Unangemessenes, und gerade die Engländer, welche das meiste zur Abschaffung des Sklavenhandels getan haben, werden von ihnen selbst als Feinde behandelt. Denn es ist ein Hauptmoment für die Könige, ihre gefangenen Feinde oder auch ihre eigenen Untertanen zu verkaufen, und die Sklaverei hat insofern mehr Menschliches unter den Negern geweckt.« (S. 162)

Das ist also ein starkes Stück. Da kämpfen die Engländer als moralische Lichtgestalten gegen die Sklaverei und die Neger anerkennen das gar nicht. Warum aber sollten sie auch, schließlich öffnet sich für sie in der Sklaverei die lang ersehnte Welt der Menschlichkeit. Für die Freiheit, so Hegel, müsse man reif sein (vgl. S. 163), deshalb scheint es ihm auch klüger, die - schließlich pädagogisch sinnvolle - Slaverei nicht plötzlich aufzuheben, sondern in angemessenen Schritten.

»Wir verlassen hiemit Afrika, um späterhin seiner keine Erwähnung mehr zu tun. Denn es ist kein geschichtlicher Weltteil, er hat keine Bewegung und Entwicklung aufzuweisen [...].« (S. 163)

Was geht uns Afrika dann eigentlich an, Herr Hegel?

Afrika ist die Welt »an der Schwelle der Weltgeschichte« (S. 163). Über Asien als in die Geschichte eintretender Weltteil gelangt Hegel zu - wen wundert’s - Europa, wo das »Germanische Reich« (S. 174) sich bereits im »Greisenalter« (S. 175) befindet.

»Das natürliche Greisenalter ist Schwäche, das Greisenalter des Geistes aber ist seine vollkommene Reife, in welcher er zurückgeht zur Einheit, aber als Geist.« (S. 175)

Am Ende dieses Erklärungsstranges stehen wir also auf erlauchten Seite der Binäropposition Natur::Geist und dürfen die Frage stellen, ob dieses rassistische Konstrukt aus Ammenmärchen und Sklavenhalterarroganz, welches uns einer der bedeutensten deutschsprachigen Philosophen hier in vollem Ernste auftischt, nicht lediglich dazu diente, den abendländischen Vernunftmenschen zu inszenieren. Der weiße Mann legitimiert sich und sein Handeln im Lichte des Geistes durch seine Abgrenzung zum Nichtweißen (die Indianer der Neuen Welt kommen in ihrer »Inferiorität« (S. 140) nämlich auch nicht viel besser weg) - und, so wird es sich noch einmal in bester patriarchaler Tradition in der Wissenschaft des frühen 20. Jahrhunderts zeigen, zur Frau.

Was genau aus dem »Germanischen Reich« und dem Weltgeist der Erleuchtung noch werden würde, konnte Hegel nun wirklich nicht ahnen, doch sei es uns heute erlaubt, den zitierten Text entsprechend in eine Geistesgeschichte einzuordnen, die den Holocaust nicht als Unfall abtut.

Ist Hegel damit gegessen? Natürlich nicht, eine naive Lesart seiner Texte dagegen schon. Auch die Möglichkeit, diese rassistische Theorie auf knapp fünfzig Seiten im Vergleich zu den tausenden seiner sonstigen Vorlesungen als einen Ausrutscher unterzuordnen, kann nicht länger gelten. Diese Zeilen müssen stets mitgedacht werden, denn wenn nicht für den elitären Hegel-Leser so war und ist die Sklaverei doch für Unzählige von Relevanz. »We don’t need«, so singt Bob Marley in Vertretung dieser Unzähligen, »no devil philosophy...« (mt)

Literatur:

Hegel, G.W.F.: Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte. Reclam

Hegel, G.W.F.: Wissenschaft der Logik. Bd. 1. Werke 5. Frankfurt 1996