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Der Dichter der afrikanischen Identität - Zum Tod des Schriftstellers Aimé Césaire

Der Dichter der afrikanischen Identität - Zum Tod des Schriftstellers Aimé Césaire

von Hans Christoph Buch

Aimé Césaire war Dichter und Politiker - in beidem angetrieben von einer tiefen Menschlichkeit. Er hat Lyrik, Dramen und Essays geschrieben, und er war jahrzehntelang Bürgermeister von Fort-de-France, der Hauptstadt von Martinique.

"Cahier d'un retour au pays natal" - unter diesem sperrigen Titel, mal mit "Notizen einer Heimkehr", mal mit "Rückkehr ins Land der Geburt" übersetzt - unter diesem auch auf französisch gewollt umständlichen Titel veröffentlichte der 26-jährige Aimé Césaire 1939 ein Gedicht, das Literaturgeschichte schrieb: Autobiographisches Poem, Essay und Erzählung zugleich, ein poetisches Manifest und politisches Fanal, das dem Siegeszug des Faschismus entgegentrat, indem es der Herrenrasse den Kampf ansagte im Namen der "Négritude".

Diesen damals wie heute schillernden Begriff hatte Aimé Césaire von seinem senegalesischen Freund und Mitstreiter Leopold Senghor übernommen, der den aus Martinique stammenden Dichter zu seinen afrikanischen Wurzeln zurückführte, die von Paris ebenso weit entfernt lagen wie von Fort-de-France. Aber das Gedicht war mehr als die Wiederentdeckung der eigenen Identität, die unter dem Druck der Kolonialherrschaft fragil und prekär geworden war. Césaire hat rückblickend angemerkt, dass das Wort "Cahier", Kladde oder Heft, im Titel die Absage an den kolonialen Blick bedeutete, aber auch den Bruch mit einer Lyriktradition, in der die Kolonisierten sich selbst als exotische Objekte bestaunten. Die prophetische Qualität des Texts lag darin, dass er am Vorabend des Zweiten Weltkriegs die Selbstbestimmung der Kolonien einklagte, lange bevor dieses Thema auf die politische Tagesordnung kam, und dass sein Autor besser französisch schrieb als viele weiße Schriftsteller, wie André Breton im Vorwort zu Césaires Gedicht konstatiert. [...]

"Cahier d'un retour au pays natal" war Aimé Césaires erstes und wichtigstes Buch. Keines seiner Werke hat ähnlich bahnbrechend gewirkt, ausgenommen vielleicht der 1950 erschienene "Discours sur le colonialisme", ein kontroverser Essay, der eine bis heute andauernde Diskussion auslöste über die Frage, ob die Judenverfolgung der Nazis, aber auch der Stalinsche Gulag, die Übertragung in den Kolonien erprobter Methoden des Massenmords auf Europa darstellten, wie dies Joseph Conrads "Herz der Finsternis" oder Kafkas Erzählung "In der Strafkolonie" nahe zu legen scheinen.

Verglichen mit dem Schriftenverzeichnis von Leopold Senghor ist Aimé Césaires poetisches Werk eher schmal. Das liegt daran, dass er bis 1956 in der Kommunistischen Partei aktiv und zeit seines Lebens politisch und administrativ tätig war, als Bürgermeister von Fort-de-France wie als Abgeordneter von Martinique in Paris, und die Umwandlung der einstigen Kolonie in ein Übersee-Département kritisch begleitet hat. Im Herbst 2007 protestierte er gegen eine Rede des neu gewählten Präsidenten Nicolas Sarkozy in Dakar, in der dieser sich despektierlich über Afrika geäußert hatte. Doch bei einer persönlichen Begegnung wurden die Differenzen überbrückt, wie überhaupt Aimé Césaire, trotz seiner radikalen Texte, im Leben eher ein Brückenbauer als ein "agent provocateur" gewesen ist.

Es ist schwer zu sagen, was außer den Gedichten von seinem Werk bleibt. Hier ist hier an erster Stelle Césaires Dramentrilogie zu nennen, die mit "La Tragédie du Roi Christophe" begann, einem Stück über Henri Christophe, den früheren Sklaven, der sich zum König von Haiti krönen ließ, und mit der Aktualisierung von Shakespeares "Sturm" endete. Dazwischen liegt "Une saison au Congo" ein Drama über die Ermordung Patrice Lumumbas, zu dem Sartre das Vorwort schrieb. Alle drei Stücke haben ein Grundthema gemein, das Césaires gesamtes Werk durchzieht und an dem er sich sein Leben lang abgearbeitet hat: Den Widerspruch von Befreiung und Unterdrückung, den Umschlag des antikolonialen Kampfs in neokoloniale Despotie, der derzeit in Afrika zu beobachten ist. Darauf zielte Aimé Césaire, als er schrieb, dass die Négritude kein umgekehrter Rassismus, sondern ein Humanismus sei.

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[ Auszug des "Discours sur le Colonialisme" - Audio ]